Ein neues Politisches Modell (8): Einige Überlegungen für ein neues potenziell hegemoniefähiges progressives „Regulationsmodell“

Kernthese: Ein neues Paradigma ist nicht schon „erfunden“ und es müsste „nur“ noch umgesetzt werden. Es muss erarbeitet werden. Aber das geht nur, wenn man nicht auf fachpolitisches „Klein-Klein“ setzt, sondern die grundlegenden Fragen zunächst diskursiv und erst dann politisch angeht. Im Sinne eines progressiven Republikanismus spielen dabei gesellschaftlich vermittelnde und demokratische Machtbalance herstellende Institutionen eine wesentliche Rolle. 

Es wäre vermessen, an dieser Stelle auch nur den Anspruch zu erheben, ein neues Paradigma oder gar einen diesem entsprechenden politischen Instrumentenkasten zu entwickeln. Dennoch sollten die bislang formulierten Kritiken und Anregungen nicht im luftleeren Raum verbleiben. Daher abschließend einige Fragmente als kleiner (und sicher auch strittiger) Beitrag, der Policy, demokratiepolitische Haltung und Meinungsführerschaft gleichermaßen in den Blick zu nehmen versucht. An dieser Stelle sei auch auf die Arbeit an einem „politischen Orientierungsrahmen“ im Kontext der Zeitschrift „spw“ verwiesen, der in die gleiche Richtung zielt.[1]

Grundsätzlich geht es nicht nur um einzelne Instrumente oder die richtigen „Themen“, sondern auch darum, zunächst die Probleme „zweiter Ordnung“, in den Blick zu nehmen. Gemeint sind damit die grundlegenden gesellschaftlichen Institutionen und Prinzipen, die entweder als negative oder positive Verstärker fungieren. Diese betreffen nicht nur die konkreten Probleme und den Mangel an sich, sondern die „Praktiken und Institutionen, das heißt, die sozialen Ressourcen, die es möglich (oder eben unmöglich) machen, auf diesen zu reagieren“.[2] Was konkret bedeutet (um es abermals zu betonen): Nicht Einzelmaßnahmen für bestimmte Gruppen oder Reformen für Teilprobleme sind der zentrale Hebel, sondern gesellschaftlich vermittelnde und für eine demokratische Machtbalance sorgende Institutionen. 

Insofern müsste es darum gehen, die scheinbar getrennten Sphären zwischen „Privat“ und „Öffentlich“ wieder im Sinne eines progressiven Republikanismus neu in Beziehung zu setzen. Keine Marktwirtschaft, nirgendwo auf der Welt, funktioniert ohne einen regelnden Staat. Doch was ist die „reale Utopie“ der Sozialdemokratie, die den Kapitalismus nicht nur in der Krise reparieren will, sondern diesen auch wieder im Sinne Karl Polanyis gesellschaftlich „einbettet“?[3] Wenn dies aber die Prämisse ist, sollte die „demokratische Souveränität“ über die Grundlagen unseres Wohlstands kein „verschämtes“ Thema sein, sondern im Zentrum stehen. 

Somit gilt es, das „öffentliche Interesse“ wieder als wesentliche Rahmung eines neuen sozialdemokratischen Projekts zu verstehen. Dabei sollte dabei der Grundsatz gelten: „Öffentliches Geld – öffentliches Interesse“. Es fehlt zudem grundsätzlich an institutioneller Phantasie, gemeinwohlorientierte Strukturen jenseits von Markt und Staat als wesentliche Vermittler und „positive Verstärker“ zu denken und zu realisieren. 

Demokratie ohne demokratisch erfahrbare Souveränität ist eine schwache und gefährdete Demokratie. In der aktuellen Weltlage kann Deutschland in vielen Fragen allein wenig ausrichten. Insofern ist eine handlungsfähige EU auch für ein neues Paradigma zentral. Zugleich besteht das demokratietheoretische Dilemma aber darin, dass für große Teile der Bürger*innen der Nationalstaat (und die Ebenen darunter) der wesentliche demokratische Bezugspunkt und Raum der öffentlichen Meinungsbildung sind. Eine breite europäische Öffentlichkeit und Bürger*innengesellschaft gibt es nicht.[4] Mit Slogans wie „Europa ist die Antwort“ (SPD zur Europawahl 2018) erzeugt man wenig Resonanz und Zustimmung über kosmopolitische Milieus hinaus. Das Dilemma lässt sich wohl nur so auflösen, indem in der politischen Programmatik und Kommunikation deutlicher wird, wo „europäische Souveränität“ der richtige Weg und wo eben „nationale Souveränität“. Was in einigen Fällen auch bedeuten kann, Zuständigkeiten wieder auf den Nationalstaat zurückzuverlagern. 

Ein neues Paradigma muss im Kern ein ökonomisches Paradigma sein. Es kann keine ernstzunehmende linke Strategie oder die Arbeit an einem neuen Paradigma geben, ohne die Frage, wie der gemeinsam erwirtschafte Wohlstand verteilt und verwendet wird, neu zu beantworten. In progressiven Ökonom*innenkreisen gibt es ein Nachdenken über ein neues Paradigma[5], aber (nicht nur) in der SPD fehlt der Ort, an dem dies produktiv und in machbare Politik übersetzt und zusammengedacht wird. Im SPD-Diskurs ging es zuletzt in erster Linie um die Überwindung der Schuldenbegrenzung. So richtig dies grundsätzlich ist, auf Dauer können Krisenkeynesianismus und Subventionskapitalismus jedoch keine Lösung sein. Eine Antwort auf die ungerechte Vermögensverteilung sind sie auch nicht. Im Sinne eines republikanischen „ökonomischen Patriotismus“ wäre der Widerspruch zwischen hohen Vermögen und Kapitalexport einerseits und zu geringen öffentlichen und privaten Nettoinvestitionen im eigenen Land zu beantworten. Welche verteilungspolitischen Instrumente auch immer favorisiert werden – vorausgehen muss ein politischer Diskurs, dass das gemeinsam erwirtschafte Nationalprodukt so verwendet wird, dass unsere Volkswirtschaft ein höheres Wohlstandsniveau erreicht. Wichtige Zukunftssektoren – und positive Verstärker – wie Bildung, Pflege und weitere öffentliche Infrastrukturen sollten nicht die „Restgröße“ sein, wenn noch „Geld über“ ist“ sondern die Priorität. So verstehe ich den klugen Vorschlag von Philippa Sigl-Glöckner nach einer neuen ökonomischen Messgröße im Sinne einer „Wirtschaftsnutzleistung“, auch wenn der Begriff noch etwas sperrig ist.[6]  Denn es geht es auch um die Frage, in welchen Export- und Binnensektoren Deutschland seine Zukunft sieht. Der Ausbau der Binnensektoren – und damit der volkswirtschaftlichen Binnennachfrage und guten Jobs auch im Dienstleistungssektor – spielt aktuell kaum eine Rolle in den ökonomischen Debatten. Eine strategische Wirtschaftspolitik müsste einen Zukunftsplan haben, der im Übrigen nicht „planwirtschaftlich“ ist: a) In welchen Exportsektoren kann Deutschland in Zukunft erfolgreich sein, b) wie lassen sich bestehende Industrien klimaneutral „transformieren“, c) in welchen aktuell „unterfinanzierten“ Sektoren lässt sich zukunftsfähige Beschäftigung aufbauen. Daraus und nur daraus lässt sich eine gute Wirtschaftspolitik ableiten. 

Ein neues Paradigma muss eine „produktivistische Klassenallianz“ als stabile Basis haben. Dazu gehört auch „die Wirtschaft“ nicht als homogenen Block zu sehen, sondern Interessen zu unterscheiden bzw. zwischen „Kapitalfraktionen“ zu differenzieren. Etwas konkreter: Sofern der Staat unternehmerische Risiken oder auch Transformationskosten (durch steuerfinanzierte Subventionen) bestimmter Branchen abnimmt, warum wird er dann nicht am Erfolg beteiligt? Durch Aktienbeteiligung oder andere Modelle? Zumindest sollten Subventionen konditioniert sein, also gebunden an das öffentliche Interesse. Zudem: Auch wenn es im deutschen Sprachgebrauch dafür keinen guten Begriff gibt: Warum besteuern wir wirtschaftliche Renten (englisch „rent-seeking“, damit sind nicht Alterseinkünfte gemeint!), also im Kern Gewinne, die nicht aus produktiver wirtschaftlicher Tätigkeit resultieren nicht höher als echte neue Wertschöpfung des Mittelstands? Also (siehe oben): Wer sind „Maker“ und wer sind „Taker“?

Die SPD braucht wieder eine sozialdemokratische Idee der „Produktivkraftentwicklung“. Fortschritt basiert eben auch auf neuen Technologien. Die SPD muss die Frage der „Produktivkräfte“ wieder zu einer positiven Sache machen. Ob diese aber im Interesse des Gemeinwohls eingesetzt werden, ist auch eine Frage von demokratischen, die reine Marktlogik einbettenden „Gegenkräften“.[7] Ob zum Beispiel Künstliche Intelligenz zur Entwertung von Arbeit und neuen Monopolgewinnen führt oder zu einer Entlastung von stupider Arbeit und einer gerechten Verteilung von etwaigen Produktivitätsgewinnen ist eine offene Frage. Und eine der gesellschaftlichen Organisation und Aushandlung. Auch die klimaneutrale Transformation kann nur als republikanisches Projekt einer gemeinsamen Anstrengung mit positiver Begeisterung für neue Wertschöpfung gedacht werden.[8]Es war und ist eine strategische Sackgasse (auch der politischen Linken!), die Klimafrage als abstrakte ökologische „Menschheitsfrage“ zu framen, so richtig und berechtigt dies in der Sache auch ist. Schon das – unreflektiert – parteipolitisch aufgeladene Framing als „grüne“ Ökonomie taugt wenig dazu, Bürger*innen, die dieser Partei eher nicht nahestehen politisch zu gewinnen. Eine „linke“ Klimapolitik sollte die „unteren Klassen“ nicht belehren und belasten, sondern muss die Verantwortung zunächst in der Sphäre der Produktion und nicht der des Konsums sehen und zugleich den „Stolz“ der Produzierenden politisch verarbeiten. Dass das moderne Elektroauto und die Wärmepumpe für viele als „woker Öko-Kram“ gelten und nicht als potenzielle „High-Tech-Produkte der nächsten Generation Made in Germany“ ist Ausdruck eines auch diskurs- und industriepolitischen Versagens nicht nur der Politik, sondern auch der Wirtschaft. 

Die thematische Verbindung aus „Produktivkräften“ und „öffentlichen Gütern“ ist gerade im Bereich der Digitalwirtschaft evident.  Wie können wir digitale Technologien im Sinne des Gemeinwohls nutzen und der Macht des „Plattformkapitalismus“ mit seinen wettbewerbsfeindlichen Netzwerkeffekten begegnen? Der Gedankenwelt des Liberalismus folgend wird politisch bedauert, dass es kein europäisches Google, Amazon oder Open AI gibt. Aber gerade die Produktivkraft von Suchmaschinen und der generativen KI basiert ja auf „Content“, der von Bürger*innen zuvor produziert wurde. Im Sinne des „general intellect“ aus Marx´ oft als „Maschinenfragment“ zitierter Passage, ist die Frage aufzuwerfen, wie damit umzugehen ist, dass das „allgemeine gesellschaftliche Wissen“ zur Produktivkraft wird.[9] Also: Wem eigentlich dieses „Weltwissen“ gehören und wer dies algorithmisch kontrollieren und Inwertsetzen sollte. Dass eine solche Auseinandersetzung auch geopolitisch in der Auseinandersetzung mit den USA nicht trivial wäre, liegt selbstredend auf der Hand. 

Wir brauchen eine grundsätzliche Neuorientierung des staatlichen Handelns. Der Abbau von Bürokratie und die Digitalisierung der Verwaltung sind das eine. Der Staat muss aber zu strategischem Handeln befähigt sein. Er muss – zumal in dieser Zeit – wieder als wirtschaftspolitischer Pionier agieren, wo einzelwirtschaftliches Handeln aufgrund von Unsicherheiten zu gesamtwirtschaftlich suboptimalen Ergebnissen führt. Dazu müssen auch institutionelle Blockaden und das Silodenken von Ressorts und Verwaltungen aufgelöst werden. Die in der Innovationsforschung diskutierte „Missionsorientierung“[10] wird in der deutschen Politik und Politikberatung wieder nur technokratisch rezipiert. Dabei könnten „Missionen“ ein genuin sozialdemokratischer Weg sein, denn es geht darum, wirtschaftliche Innovation, demokratisch-staatlich initiierten Pioniergeist und gesellschaftliche Ziele miteinander zu verbinden und auch eine entsprechende Begeisterung zu entfachen.Ein „revolutionärer“ Ansatz wäre es, zumindest den investiven Teil des Bundeshaushalts nicht nach Ressortegoismen, sondern „missionsorientiert“ zu gestalten. 

Und selbstredend muss die SPD eine Partei bleiben, die für einen funktionierenden Sozialstaat steht. Zunächst einmal ist hier eine grundsätzliche Diskurswende nötig. Der Sozialstaat ist keine „soziale Wohltat“ und kein „Kostenfaktor“, sondern ein demokratisch verabredetes soziales Recht in einer modernen wohlhabenden Gesellschaft. Medizinischer Fortschritt und eine steigende Lebenserwartung sind ebenso ein Fortschritt wie die Überwindung der männlichen Einverdienerfamilie. Die damit verbundenen „Sozialausgaben“ kosten Geld, das stimmt.  Jedoch ist das Geld ja nicht „weg“. Renten schaffen Nachfrage. Es entstehen Jobs im Betreuungs-, Gesundheits- und Pflegesektor. Auch wenn die Demografie kein ganz kleines Problem und ein tragfähiger „Rentenkonsens“ erforderlich ist, das Kernproblem ist nicht Demografie, sondern Produktivität. Sowohl in der privaten Wirtschaft als auch im öffentlichen Sektor. Dies bedeutet nicht, dass alles so bleiben soll, wie es ist. Auch die SPD hat ihren Anteil daran, dass immer neue Sozialleistungen erfunden wurden, die teils auch widersprüchlich wirken und bürokratisch sind. Eine neue Sozialstaatsreform sollte nicht immer neue Teilleistungen erfinden. Einfacher, digitaler, zielgenauer muss die Devise sein. Das Ergebnis der „Kommission zur Sozialstaatsreform“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales geht hier in die richtige Richtung.[11] Auch hier sollte das Prinzip „Öffentliches Geld – öffentliches Interesse gelten“. Selbst wenn dies kurzfristig nicht lösbar ist, aber in der mittleren Frist sollte möglichst kein „Sozialstaats-Euro“ in unangemessener Weise dem privaten Profit dienen. Kommen die Sozialausgaben wirklich nur bei denen an, für die sie gedacht sind? Sind die Ausgaben für Wohngeld und die „Kosten der Unterkunft“ für Personen in der Grundsicherung nicht auch eine Subvention für Mietwucher? Warum sollten durch Sozialversicherungen finanzierte Pflegeeinrichtungen eigentlich gewinnorientiert sein dürfen? (Damit ist nicht der kleine Pflegedienst vor Ort gemeint). Warum sind Produkte der „Riester-Rente“ von gewinnorientierten Anbietern und es gibt kein für „Normalbürger*innen“ verständliches öffentliches Angebot für eine kapitalgedeckte Zusatzvorsorge? Ist das System der niedergelassenen Haus- und Fachärzte wirklich im Interesse der gesetzlich Versicherten oder wären kommunale medizinische Versorgungszentren (auch im Zuge der Krankenhausreform) nicht der kosteneffizientere und patient*innengerechtere Ansatz? Warum gibt es für all dies – von Wohnraum über Pflege bis zur privaten Altersvorsorge – keine hinreichenden kommunalen oder gemeinwohlorientierten Angebote? 

Die SPD versteht sich als „Partei der Arbeit“. Aber was genau über den Mindestlohn hinaus hat sie im Angebot? Das Tarifstärkungsgesetz vielleicht noch, auch dies entspricht dem Grundsatz „Öffentliches Geld – öffentliches Interesse.“ So richtig dies ist, ein Zukunftsversprechen für die „arbeitende Mitte“ kann daraus kaum erwachsen. Dieses gilt es in ihrem ganzen Lebenszusammenhang in den Blick zu nehmen, die „cost of living“ und die qualitativ gute Absicherung von „Care-Arbeit“ (Kita, Schule, Pflege) spielen dabei eine zentrale Rolle. Und was ist das Versprechen der Sozialdemokratie in der Transformation? Sicher, es gibt viele Einzelinstrumente der Förderung. Und ja, es gibt Arbeitsmarktdrehscheiben und eine Weiterbildungs-Informationsplattform mit der etwas unglücklichen Domain mein-now.de. Aber steht die SPD im Bewusstsein der „arbeitenden Mitte“ dafür, dass sie zumal in einer politisch gewollten „sozial-ökologischen Transformation“ dafür sorgt, dass möglichst keine Fachkraft Verluste in Sachen selbst verdientem (!) Einkommen, Berufsstolz und Respektabilität hinnehmen muss? Aber auch die „Arbeitspolitik“ im engeren Sinne liegt ideologisch brach. Liest man aktuelle Texte zur Lage der Demokratie, dann fällt auf, dass sie in der Regel das Verhältnis Bürger zu Staat thematisieren. Dies entspricht einer dem liberalen Zeitgeist entsprechenden De-Politisierung der Sphäre der Wirtschaft und Arbeit. Der „arbeitende Souverän“[12] , also die Arbeiternehmer*in als Subjekt kommt in den aktuellen Diskursen über Demokratie oder Gesellschaft kaum vor. Gemeinsam mit den Gewerkschaften sollte eine kreative und strategische Verständigung darüber erfolgen, auch abseits von Organisationsinteressen, wie eine Re-Politisierung der Sphäre der Arbeit und eine Re-Ermächtigung von Arbeitnehmer*innen erfolgen kann. 

Deutschland ist ein Einwanderungsland und das war es immer. Eine linke Politik muss sich gegen die unsinnige Fiktion eines ethnisch und kulturell homogenen Volks wenden. Dies vorausgeschickt. Um unseren Wohlstand zu sichern, brauchen wir Einwanderung und aus ethischer Verantwortung für die Weltgesellschaft sind wir offen für reguläre Fluchtmigration. Aber dies ist nicht voraussetzungslos zu haben, sollen sich soziale Konflikte nicht verstärken. Ein neues Paradigma muss sich auch dieser Aufgabe stellen. Aus einer republikanischen Perspektive ist die Nation bis auf Weiteres (ob man das nun begrüßt oder nicht) der zentrale Bezugsraum der Politik und der Identitätsbildung. Wir sprechen deutsch, „unsere“ Medien berichten über „unser“ Land und im Sport drücken wir „unseren“ Sportler*innen und Teams die Daumen. Aus der Perspektive der allermeisten Bürger*innen ist die Nation ein „Club“. Es muss geregelt sein, wer „reinkommt“ und die bestehenden Club-Mitglieder (zu denen selbstverständlich auch solche mit Migrationshintergrund gehören) haben das Recht, die Regeln des gelingenden Zusammenlebens zu setzen und einzufordern. Wer das von „links“ in der SPD ablehnt, sollte nicht übersehen: Dies ist auch „klassenpolitisch“ geboten, weil gerade die „unteren Schichten“ eine besondere Bindung an „heimatliche Identität“ haben und überproportional Ressourcenkonkurrenzen um Wohnraum, staatliche Unterstützung etc. ausgesetzt sind. Wir haben im Kern kein Migrations- sondern ein Integrationsproblem. Eine wohlmeinende Haltung gegenüber Migration darf nicht die Augen davor verschließen, dass der „Innen-Außen“-Konflikt[13] nun einmal aus der Perspektive der „kleinen Leute“ da ist. Eine bestmögliche Integrationspolitik, nicht zuletzt in Kitas und Schulen muss oberste Priorität haben. Zugleich müssen die Werte des gelingenden Zusammenlebens höher gewichtet werden als falsch verstandener „Minderheitenschutz“. Eine Sozialdemokratie, die (wie teilweise in Berlin) zu feige ist, migrationsbedingte Konflikte wie die Forderung nach „Kalifatenstaaten“ oder die Existenz von „Clankriminalität“ beim Namen zu nennen, geschweige denn, sich diesen Phänomenen entgegenzustellen, muss sich nicht wundern, wenn sie die „hart arbeitende Mitte“ zu verliert. 

Vor 50 Jahren hat die SPD als erste Volkspartei ein kommunalpolitisches Grundsatzprogramm beschlossen. Auch wenn sich der Blick in dieses Dokument immer noch lohnt, wäre es auch diesbezüglich an der Zeit für ein zeitgemäßes Update, auch im Rahmen eines neuen Grundsatzprogramms. Es geht eine Re-Politisierung der kommunalen Sphäre und um eine demokratische Selbstermächtigung der Bürger*innen. Die philosophische Schwester eines linken Republikanismus ist ein progressiver Kommunitarismus. Die „große“ Phase der Sozialdemokratie der Nachkriegszeit war nicht nur verbunden mit der neuen Ostpolitik, einem kulturellen Aufbruch und der Praxis „mehr Demokratie (zu) wagen“. Und natürlich höheren Wachstumsraten und steigendem persönlichen Wohlstand. Diese Phase war auch eine der erlebten Modernisierung im öffentlichen Alltag. Der Anteil der öffentlichen Investitionen am BIP lag damals bei etwa sechs Prozent, aktuell sind es etwas mehr als zwei Prozent. Und diese erhalten eher den Bestand, als wirklich zu modernisieren. Es entstanden neue Schulen, neue Infrastrukturen, Freizeiteinrichtungen und vieles mehr. Fortschritt war auch im öffentlichen Raum erkennbar. Anstatt sich im Bund immer neue aufgabenfremde Maßnahmen wie Schulstarterprogramme auszudenken und zugleich mehr Aufgaben auf die Kommunen abzuwälzen ist auch hier eine grundsätzliche Reform nötig. Es wäre besser, die föderale Finanzordnung so zu organisieren, dass alle Kommunen, ihrer jeweiligen Problemlage entsprechend, über ausreichend Mittel verfügenum die öffentliche Daseinsvorsorge zu garantieren und dafür zu sorgen, dass „fundamentalökonomische“ (also alltagswichtige) Güter und Dienstleistungen wieder stärker in kommunale oder gemeinwirtschaftliche Verantwortung gelangen.[14] Und zwar so, dass auch Kommunalwahlen wieder ein echter Ideenwettbewerb über den Einsatz dieser Mittel sind und diese im Übrigen dann auch wieder attraktiver für Personen würden, die kommunalpolitische Verantwortung übernehmen möchten. Ein Orientierungspunkt im Sinne eines Entwicklungs- und Lernprozesses könnte hier das „Forschungskonzept Soziale Orte“ sein.[15] Ein Projekt der ganzen SPD – also über alle Ebenen hinweg – könnte darin bestehen, das „Öffentliche“ vor allem im lokalen Raum wieder ins Zentrum zu rücken. Dies sollte verbunden werden mit einem links-kommunitaristischen Ansatz, der (lokale) Gemeinschaften, demokratisches Bewusstsein und Selbstwirksamkeitserfahrungen stärkt. Wie bereits erwähnt: Auch hier ist institutionelle Kreativität nötig. 

Die Sozialdemokratie muss gerade vor Ort auch wieder eine Kraft der gesellschaftlichen Selbstorganisation werden. 

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Soweit mein Plädoyer für einen „progressiven Republikanismus“. 

Man könnte ihn auch als „liberalen Sozialismus“ bezeichnen. Doch vermutlich würde dieser Begriff unnötige Reflexe auslösen. Dann würde wieder nur über Begriffe gestritten und nicht über die Sache.

[1] https://www.spw.de/work-in-progress-version-03-03-2026/

[2] Rahel Jaeggi: Fortschritt und Regression, Berlin 2024, S. 148f. 

[3] Karl Polanyi: The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, Wien 1977

[4] Dirk Jörke: Die Größe der Demokratie. Über die räumliche Dimension von Herrschaft und Partizipation, Berlin 2019 

[5] Forum New Economy: Mapping the State of a Shifting Paradigm, Berlin 2023 

[6] Philippa Sigl-Glöckner: Gutes Geld. Wege zu einer nachhaltigen und gerechteren Gesellschaft, Köln 2024 

[7] Daron Acemoglu, Simon Johnson: Macht und Fortschritt. Unser 1000-jähriges Ringen um Technologie und Wohlstand, Frankfurt a.M. 2023

[8] Felix Heidenreich: Nachhaltigkeit und Demokratie. Eine politische Theorie, Berlin 2023 sowie Klaus Dörre, Steffen Liebig, Kim Lucht, Johanna Sittel, Streit verbindet, aber nicht immer. Zur Dynamik von Transformationskonflikten, in: Berthold Vogel, Harald Wolf (Hg.), Arbeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt. Konzepte, Themen, Analysen, Frankfurt/New York 2014, S. 199-238

[9] Karl Marx, Friedrich Engels: MEW, Band 42, Berlin 1983, S. 602 

[10] Mariana Mazzucato: Mission. Auf dem Weg zu einer neuen Wirtschaft, Frankfurt/New York 2021 

[11] BMAS: Empfehlungen der Kommission zur Sozialstaatsreform, Berlin 2026

[12] Axel Honneth: Der arbeitende Souverän, Berlin 2023  

[13] Steffen Mau, Thomas Lux, Lunis Westheuser: Triggerpunkte: Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft, Berlin 2023 

[14] Foundational Economy Collective, Die Ökonomie des Alltagslebens. Für eine neue Infrastukturpolitik, Berlin 2019 

[15] Berthold Vogel, Sarah Herbst, Nina Kerker, René Lehweß-Litzmann, Maike Reinhold: Soziale Orte. Ein Forschungskonzept, SOFI Göttingen, 2024 

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