Fussball, Kapitalismus, FIFA

An Tagen wie diesen wird die „schönste Nebensache der Welt“ für viele zur Hauptsache. Die Fußball-WM ist für viele Fußballfans das „Hochamt“ dieses Sports. Fußball ist in vielen Nationen Volkssport und Event zugleich. Zugleich ist seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus einem volkstümlichen Spiel der Vereine und Stadtviertel eine globale Unterhaltungsindustrie mit Milliardenumsätzen geworden. Nicht zuletzt der Weltdachverband FIFA ist für viele Fans zum Symbol für Kommerz und Korruption geworden. Kann man den „Profifußball“ als Anschauungsobjekt für (Fehl-)Entwicklungen des globalen Kapitalismus ansehen? Und wenn ja: Was kann man daraus als Kritiker:in beider Entwicklungen daraus lernen? Daher hier ein kleiner Rundumschlag mit Blick in aktuellere (vor allem kritische) Beiträge – von der Rosa-Luxemburg-Stiftung bis zur Stiftung Marktwirtschaft. 

Ein breite Sammlung von Aufsätzen und Interviews hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung unter der Fragestellung „Wem gehört der Fußball?“ in einem Dossier erstellt, u.a. mit kritischen Beiträgen zur FIFA aber auch einem Interview mit dem ehemaligen französischem Nationalspieler Liliam Thuram zum Verhältnis von Rassismus, Fußball und Kapitalismus. Ein Zitat von Thuram sei einleitend herausgestellt: 

„Fußball ist ein Spiegel der Gesellschaft. Wenn man in einer vom Kapitalismus beherrschten Welt lebt, findet man Kapitalismus auch im Fußball. Man sagt immer, dass die Stärksten gewinnen, aber nie, dass es die Reichsten sind.“  

Ein weiterer aktueller Überblick findet sich im Editorial „Politische Ökonomie des Fußballs“ der Zeitschrift PROKLA (Dezember 2025) von Svea Gruber, Philipp Köncke, Martin Krauss, Dorothea Schmidt und Felix Syrovatka sowie im Text „Ball treten und Dienst leisten – Grundzüge der politischen Ökonomie des Profifußballs“ von Rainer Bohn in derselben PROKLA-Ausgabe. Beide Texte sind Open Access. 

Doch was sind die Parallelen zwischen Fußball und dem globalen Kapitalismus?

Erstens: Die Vereinnahmung von bislang nicht kommodifizierten Sphären, wie sie Theoretiker*innen wie Rosa Luxemburg, Burkart Lutz oder Klaus Dörre unter dem Begriff der „Landnahme“ zum Thema mach(t)en. Also einfach formuliert: Das-zur-Ware-machen. Nun wurde mit dem Profifußball schon immer Geld verdient, aber ursprünglich war dies Mittel zum Zweck, also den Spielbetrieb zu ermöglichen. Inzwischen, so scheint es, ist der Gelderwerb zumindest in einigen internationalen Ligen und Verbänden der eigentliche Zweck, dem das Mittel „Fußball“ dient. Dabei ist es zwar im Rahmen einer ökonomischen Analyse interessant, ob der Kern des Spiels wirklich eine „Ware“ ist oder eben nicht, wie Rainer Bohn in der PROKLA argumentiert oder ob sie nur, wie Bohn meint, einen „kritischen Impetus, den der Autor mit vielen Fußballfans teilt, die seit langem die Ökonomisierung und Kommerzialisierung des Sports bemängeln“ zum Ausdruck bringt.Sportpolitisch relevant ist es eher weniger. 

Denn faktisch ist es unbestritten so, dass sich rund um das „Spiel an sich“ ein großes Ökosystem etabliert hat aus Werbung, TV-Rechten und Sendern, Sportwetten, Ausrüstern, Berater:innen, Datenanbietern, die in diesem System viel Geld verdienen und dieses wiederum teilweise finanzieren. Dies reicht bis zur Popindustrie. Dass der deutsche Inhaber der Exklusivrechte für die WM 2026 (Magenta / Telekom) immer wieder den neuen Song der Schlagersängerin Helene Fischer spielt, in dem es (angesichts der in Deutschland spätabendlich oder in der Nacht übertragenen Spiele) heißt: „Heute Nacht können wir unsterblich sein. Wir bleiben wach“ ist vermutlich kein Zufall. 

Als „Urknall“ der Kommerzialisierung gilt in Deutschland der 24. März 1973, der Tag, an mit Eintracht Braunschweig erstmals ein Bundesligist mit einem Trikotsponsor – dem Kräuterlikor Jägermeister – auflief. Streng genommen haben das schon zuvor Vereine versucht, aber der DFB hat es verboten. Doch Braunschweig war verschuldet, brauchte dringend Geld und umging das Verbot mit einem Trick: Im Vereinslogo wurde nach Mitgliederentscheid der Löwe durch den Jägermeister-Hirschen ersetzt. 

Das Rad hat sich weitergedreht. Laut „Annual Review of Football Finance“ der Beratungsfirma Deloitte erreichte der europäische Fußballmarkt in der Saison 2023/24 mit einem Wachstum von 8 Prozent ein Rekordvolumen von 38 Milliarden Euro. Davon entfällt der Großteil auf die fünf Topligen: Die „Big Five“ – Premier League, Bundesliga, LaLiga, Serie A und Ligue 1 – erwirtschafteten 20,4 Milliarden Euro. Sponsoring ist inzwischen allgegenwärtig und die Rechte für TV-Übertragungen sind eine wesentliche Finanzierungsquelle. In der Ersten Bundesliga (Saison 2022/23) machen (laut Bohn, PROKLA) die mediale Vermarktung und die Werbeerlöse inzwischen drei Fünftel der Erlöse aus, Ticketverkäufe gerade einmal zwölf Prozent. 

Zweitens und damit einhergehend: Die Finanzialisierung. Viele Fußballvereine sind inzwischen keine Non-Profit-Organisationen oder mittelständische Gesellschaftsformen mehr, sondern Anlageobjekte. So gehört in der englischen Premiere League kein Verein mehr „sich selbst“ (siehe dazu auch Editorial PROKLA), sondern Investoren (auch Staatsfonds), die teils „Sportswashing“ (siehe unten) betreiben oder schlicht Geld verdienen wollen. Oder sie fungieren als „Marke“ eines Konzerns wie die diversen Vereine des Getränkefabrikanten Red Bull, das wiederum ein Beispiel für „Multi-Club-Ownership“ ist (siehe ebenso unten). 

In Deutschland wird die Debatte über die sogenannte 50+1-Regel geführt. Sie schreibt vor, dass der Mutterverein die Stimmenmehrheit an der (inzwischen üblichen) ausgegliederten Profi-Kapitalgesellschaft halten muss, damit externe Investoren keine Kontrolle über einen Klub erlangen. Im Juni 2025 hat das Bundeskartellamt nach langer Prüfung erklärt, es habe keine grundsätzlichen Bedenken gegen die Regel, fordere die Deutsche Fußball Liga aber zu Nachbesserungen in Bezug auf Ausnahmeregelungen für bestimmte Clubs auf. Das Amt betonte zugleich den kulturellen Wert des Modells und bezeichnete den Satz „Fußball gehört den Fans“ als Grundprinzip des deutschen Fußballs. 

Während Fans eines Vereins früher stolz darauf waren, ein „Talent“ in den Reihen ihres Clubs zu haben, wird heute im Sinne der „Kaderwertsteigerung“ mehr darüber diskutiert, was der dieser Spieler wohl auf dem Transfermarkt bringt. Die „Werktätigen“ des Betriebs, zumindest der Kern, also die Profispieler, sind nicht mehr nur Arbeitnehmer. Sie sind „Assets“ des jeweiligen Vereins und werden im Falle einer bezahlten Ablöse in der Bilanz aktiviert. Gerade Transfers von jungen Spielern sind spekulativ. Finanzkräftige Vereine „kaufen“ sie und verleihen sie oft weiter, in der Erwartung einer Leistungs- bzw. Wertsteigerung. Im Prinzip fungieren sie wie Finanzanlagen. So schreibt Lukas Scholle in seinem Beitrag „Beim Fußball kickt das Kapital“ in Surplus (Paywall): „Die Analyse der individuellen Eigenschaften des Spielers auf Basis von Daten und Modellen hat also das gleiche Problem wie auf dem Finanzmarkt. Auch hier werden Unternehmen auf Basis von Daten und Modellen bewertet. Das Problem sind unvollständige Daten bei ungewisser Zukunft, wodurch eine fiktionalen Zukunftserwartung erzeugt wird“. Wie die Entstehung von „Marktwerten“ auf der führenden Plattform funktioniert erläutert Jürgen Beyer in seinem Text „Weisheit der Laien – Die Rechtfertigungsordnungen von Fußballfans bei der Bestimmung von Marktwerten“ in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Die auf „Wisdom-of-the-crowd“-Logik basierenden Marktwerte von Fußballspielern auf der (mehrheitlich der Axel Springer SE gehörenden) Plattform Transfermarkt.de entstehen durch kollektiv ausgehandelte Fandiskurse, die von sechs unterschiedlichen „Rechtfertigungsordnungen“ strukturiert werden. Neben der „Leistungskonvention“ (sportliche Leistung und Statistiken) und der „Vergleichskonvention“ spielen auch weitere Konventionen eine Rolle, wie die „Spekulationskonvention“ (also Annahmen über zukünftige Entwicklungen).

Drittens, die Globalisierung des Fußballs. Wer noch die 1970er und 1980er erlebt hat, weiß, dass damals Europa und Lateinamerika die Epizentren des Sports waren. Bei der WM 1978 in Argentinien kamen 13 von 16 Teilnehmernationen aus diesen Weltregionen. Bei der aktuellen WM 2026 sind es 48 Teilnehmernationen, darunter 25 aus Afrika, Asien und Nordamerika/Mittelamerika/Karibik. Dies zeigt schon, wie sehr der Fußball „globaler“ geworden ist, auch wenn die Kritik an der hohen Teilnehmerzahl der WM 2026 zuweilen etwas eurozentristisch ist.

Zugleich: Auch der Arbeitsmarkt für Fußballer hat sich gewandelt. Bis 1992 gab es die sogenannte Ausländerregel in der Bundesliga. Es durften nur zwei Spieler ohne deutschen Pass auf dem Platz stehen. Später fiel die Grenze für Spieler aus der EU. Ab 2006 gibt es keine Begrenzung mehr, was zur Folge hatte, dass sich ein globaler Markt für Profifußballer entwickelte. In einer kritischen Betrachtung führte das zu einer „hierarchischen, postkolonialen Aufteilung des globalen Fußballmarktes in kapitalstarke Abnehmerligen im Globalen Norden und periphere Zulieferregionen, die primär als Talentreservoirs fungieren.“ (Einleitung PROKLA). Man könnte es aber auch als einen Schritt zu mehr Weltoffenheit und als Aufstiegschance für Fußballer aus ärmeren Weltregionen deuten.  

Viertens: Monopolisierung und Winner-Takes-All. Aktuelle Hyper-Kapitalisten wie Peter Thiel sehen im Prinzip des freien Wettbewerbs eine Schwäche. Das Ziel sei es, der führende und bestenfalls einzige Anbieter in einem Markt zu werden. Nun gibt es viel Kritik daran, dass die FIFA der globale Monopolist für den Weltfußball ist. Aber wäre es attraktiver, wenn es drei oder vier Weltverbände mit jeweils eigenen Wettbewerben gäbe? Dazu weiter unten im Text. 

Von größerer Bedeutung ist der Winner-Takes-All-Effekt im Vereinsfußball. Denn hier greifen Mechanismen, die das Leistungsprinzip zwar nicht völlig außer Kraft setzen, es aber erschweren. Wer in den deutschen Profiligen gut abschneidet, bekommt auch in der Folgesaison (etwas vereinfacht dargestellt) mehr Anteile aus den von der DFL eingenommenen Geldern für die Übertragungsrechte (auch oft vereinfacht als „TV-Gelder“ bezeichnet). Das gleiche gilt für die europäischen Wettbewerbe. Wer es in die Champions League schafft, hat zusätzliche Einnahmen sicher, wenngleich auch mehr Ausgaben für den Kader zu bewältigen. Viel Kritik an sich zum Beispiel an der von der FIFA geschaffenen „Klub-WM“ entzündet, an der 32 Teams aus allen regionalen Verbänden teilnehmen. Der sportliche Wert ist zweifelhaft. Das Projekt scheint vor allem dem Zweck zu dienen, der FIFA und den teilnehmenden Vereinen noch mehr Einnahmen zu generieren. 

Ein weiteres Phänomen der Marktkonzentration ist „Multi-Club-Ownership“. Dies bedeutet: Einem Investor gehören mehrere Vereine, die dann quasi Konzernfilialen sind. Der größte Player ist die City Football Group, deren Mehrheitseigner die Abu Dhabi United Group ist, die wiederum einem Scheich aus der Herrscherfamilie des Emirats Abu Dhabi gehört. Zu diesem Fußballkonzern gehören neben Manchester City noch elf weitere Vereine aus vielen Teilen der Welt.

Fünftens: Digitalisierung und Solutionismus. Die Nutzung digitaler Technologien im Sinne der Datenerfassung und Datenverwertung (auch durch KI) macht auch vor dem Fußballsport keinen Halt. Das Spiel und die Spieler werden digital erfasst und ausgewertet. Inzwischen weiß jeder Fan, was ein xGoal ist und bei der WM 2026 gibt es ständige Anzeigen des „Match Momentum“. Nun ist etwas mehr „objektive“ Transparenz über Spielverläufe kein Problem an sich. Sie schützt vielleicht auch manche/n Kommentator*in vor subjektiven Fehlurteilen. 

Doch zum einen werden Spieler inzwischen als Datensatz betrachtet. Also als Summe von Ereignis- bzw. Eventdaten oder Tracking- bzw. Positionsdaten. Das Scouting von Spielern erfolgt inzwischen datenbasiert, was das Risiko der Vereine von „Fehleinkäufen“ reduzieren soll. 

Zum anderen wird versucht, das Spiel durch Technologie „gerechter“ zu machen und auch hier Fehlentscheidungen des bzw. der Schiedsrichter:in durch den „Video Assistent Referee“ (VAR) zu vermeiden. Hartmut Rosa beschreibt in der Einleitung seines Buchs „Situation und Konstellation“ eben genau das: Eine Situation und eine Konstellation im Fußball. Durch den Videoschiedsrichter wird ein Tor zumindest zweifelhaft in Frage gestellt. Die Folge: „Mit einem Schlag erfahren sich Fans, Stürmer, Spieler und Schiedsrichter – als genau: ohnmächtig. Sie haben keinen Urteils- und keinen Handlungsspielraum“. Ob die zunehmende „Überwachung“ und der Einsatz von digitalen Technologien zu besseren Entscheidungsfindung führt, ist höchst umstritten, jedoch soll die Technik „die geforderte Willkürfreiheit des Wettbewerbs symbolisch unterstreichen.“ (Bohn, PROKLA)

Es geht nicht darum, Datenerfassung, Datenauswertung und KI im Fußball grundsätzlich zu verdammen. Aber auch im Fußball macht sich der von Evgeny Morozov thematisierte „Solutionismus“ breit: Der Makel des Menschen soll durch digitale Technologien eliminiert werden. 

Sechstens: Geopolitik und Sportwashing. So wie manchen Unternehmen „Greenwashing“ unterstellt wird, also sich über PR-Maßnahmen ein besseres Image zu geben, als es der Realität entspricht, wird im Fußball auch das Phänomen des „Sportswashing“ diskutiert. Es bezeichnet den Versuch, mit der positiven Ausstrahlung des Sports von Menschenrechtsverletzungen, Demokratiedefiziten oder anderen Missständen abzulenken und das eigene Image „reinzuwaschen“. Beispielhaft hierfür steht die Vergabe der WM an Länder (u.a. Russland, Katar), die dies auch als geopolitisches Instrument der Imagepflege nutzen. 

Zugleich, so schreibt Dietrich Schulze-Marmeling unter dem Titel „Menschenrechte und Demokratie – wen interessiert das noch?“ auf taz.de, gelte im internationalen Sport und Fußball die Devise nicht mehr, dass wer seine Geschäfte weiterbetreiben wolle, auch ein wenig Menschenrechtsengagement zeigen müsse. Denn: „Wozu überhaupt noch Sportswashing, wenn fast 70 Prozent der Staaten autokratisch regiert werden?“ 

Siebtens: Die FIFA. Eine aktuelle Übersicht der Kritik an der FIFA und ihrer Praxis würde diesen Beitrag sehr lang und unübersichtlich machen. Denn: Sie ist allgegenwärtig. Korruptionsvorwürfe, Kritik an der erwähnten Kommerzialisierung, Ignoranz gegenüber Menschenrechten und der Kotau vor Autokraten, teure Ticketpreise usw. Zudem überschlagen sich während der laufenden WM die Ereignisse, wie zum Beispiel die Rücknahme einer Sperre nach einer roten Karte für einen US-Spieler durch die FIFA nach mutmaßlicher Einflussnahme durch den US-Präsidenten.

Daher nur zwei ausgewählte Stimmen. So schreibt Dave Braneck unter der Überschrift „Die WM 2026 ist eine Schande für den Fußball“ in JacobinVon den vermeintlichen Werten der FIFA ist nichts mehr übrig. Es geht nur noch darum, auf Kosten der Fans und der Austragungsorte jeden Cent herauszupressen.“

Doch man muss kein Kapitalismuskritiker sein, um die Praxis der FIFA infragezustellen. Der frühere Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, Philipp Lahm tut dies auch in seinem Text „Die WM wird verkauft – das raubt dem Fußball Glaubwürdigkeit“ auf ZEIT.de: 

 „Kritik sollte man dort üben, wo sie angebracht ist. Da wären die Ticketpreise. Die maximiert die Fifa, indem sie keine ehrlichen Angaben über die wahre Nachfrage macht. (…) die aufgeblähte Klub-WM hat den ohnehin schon vollen Kalender verdichtet. Mit einem zusätzlichen Turnier über mehrere Wochen und teilweise extremen Temperaturen ist die Belastung für die Spieler weiter gestiegen. (…)  Am bedenklichsten ist Gianni Infantinos Nähe zu Machthabern wie Donald Trump. Man hegt den Verdacht, dass sie persönliche Vorteile aus ihren Ämtern ziehen. Die WM wird verkauft. Das raubt dem Fußball Glaubwürdigkeit.“  

War früher alles besser?

Zumindest sollte man den Fußball der 1970er und 1980er Jahre, die ein womöglich jetzt 25-jähriger Fan auch selbst nicht erlebt hat, nicht verklären. Hier ist nun die Rede von der alten Bundesrepublik. Der Zuschauerschnitt lag in manchen Jahren bei der Hälfte des aktuellen der Bundesliga. Und das lag nicht allein an der nachfolgenden Welle des Neu- und Kapazitätsausbaus von Stadien. Auch die damaligen Sportstätten waren oft halb leer. Zudem oft unüberdacht und mit Leichtathletik-Laufbahn. Hier hat „mehr Geld im System“ auch zu sinnvollen Investitionen in moderne Stadien oder eine bessere Infrastruktur für die Nachwuchsarbeit geführt.

Bei aller Kritik an der Kommerzialisierung: Wer „damals“ nicht zu der sehr kleinen Gruppe von „Allesfahrer:innen“ gehörte, also Fans die nicht nur alle Heim- sondern auch alle Auswärtsspiele live besuchten, konnte sich nur ein eingeschränktes Bild von der Leistung des eigenen Vereins machen. Die ARD-Sportschau zeigte drei Spiele in Ausschnitten und in der Regel hörte man am Samstagnachmittag die Reportagen im Radio. Es ist schon ein Fortschritt, heute alle Spiele des eigenen Clubs zumindest in der Live-Übertragung schauen zu können. Ob die Verteilung dieser Einnahmen leistungsgerecht ist, ist ein anderes Thema (siehe oben). 

Auch die Fankultur war nicht unbedingt besser. Zumindest sollte man die „Echtheit“ und die angeblich authentische „proletarische“ Kultur nicht verklären. In den Kurven sah man nicht selten die Reichskriegsflagge wehen und rassistische, homophobe und sexistische Rufe waren mehr die Regel als die Ausnahme. Hooligans ballerten Leuchtstiftmunition in die jeweils andere Kurve und das auch mehr als es leider auch heute noch zuweilen passiert.

Verteidigung und Offensive 

Fangen wir an mit den Verteidigungslinien. Nein, es gibt hier keine Reflexion der Statements von Gianni Infantino oder Uli Hoeneß. 

Wenig überraschend ist, dass die Stiftung Marktwirtschaft dies alles ein wenig entspannter sieht. In einem aktuellen und online auf YouTube verfügbarem Webinar mit dem Titel „Kapitalismus in kurzen Hosen? Wettbewerb und Marktmacht bei der Fußball-WM“ referiert Justus Haucap (u.a. früherer Vorsitzender der Monopolkommission) zum Thema. Erstens geht er auf den zu erwartenden ökonomischen Effekt einer WM ein. Die unschöne Erkenntnis: Es gäbe wenig Wachstumseffekte für die ausrichtende(n) Nation(en). Zwar gäbe es höhere Einnahmen, aber auch gegenläufige Verdrängungseffekte (ausbleibende Tourist:innen etc). Einen gewissen ökonomischen Impuls gäbe es für den WM-Sieger, der sei aber auch nicht nachhaltig. Ein höherer Umsatz sei jedoch im Bereich der Sportwetten zu erkennen. Haucap kritisiert das Monopol der FIFA, denn als Monopolist ermögliche sie keinen Wettbewerb und ihre Governance sei „verbesserungsfähig“, auch wegen der dynamischen Preissetzung und der Tatsache, dass sie eigene Tickets auf dem Zweitmarkt (bei nicht ausgelasteten Stadien) billiger anbiete als auf dem Erstmarkt. Spannend wird es aber mit Blick auf den Ligafußball. Haucap vergleicht die Kaderwerte der Ersten Bundesliga und der Premier League. Er folgert daraus, dass es in der englischen Liga mehr Egalität gäbe und dass es gerade wegen der Investoren so sei. Die Bundesliga wiederum habe ein Problem mit dem „wettbewerbsarmen Zustand“ eben durch ihre Lizenzbedingungen (also das erwähnte 50 + 1). 

Doch es gibt auch Gegenbewegungen, oder hier eben eine „progressive Offensive“. 

Längst hat sich eine massive Kritik am „modernen Fußball“ entzündet, womit nicht neue sportliche Taktiken gemeint sind, sondern die oben angesprochenen Entwicklungen, also die Entfremdung des Fußballs als Business von der Kultur zumindest von Teilen der Fanszene, oft als Ultras oder „aktive Fanszene“ bezeichnet. Wie das immer so ist, führen kapitalistische „Landnahmen“ zu einer „Entbettung“ aus gewohnten Strukturen und Traditionen und haben (im Sinne Karl Polanyis) Gegenbewegungen zur Folge, die progressiv oder regressiv sein können. Die Autor:innen des PROKLA-Editorials sehen in der Ultra-Szene „kritische Fan-Bewegungen, die systematisch gegen die Ökonomisierung und Kommerzialisierung des Fußballs protestierten und den Fußballkonsum bewusst politisierten.“

Eine Gegenposition nimmt  Ansgar Mohnkern in seinem auf soziopolis.de veröffentlichen Essay „Der Kult der Tradition: Fußball und die Geschichte der Gegenwart“ ein. Der in den Fankurven gepflegte „Kult der Tradition“ deute gegenwärtige soziale Klassenkonflikte in einen nostalgischen Gegensatz zwischen glorreicher Vergangenheit und tristem Heute um und verschleiere sie dadurch, statt sie zu lösen. Am Beispiel des 1. FC Kaiserslautern, dessen Erfolge mit der WM-Sieger-Elf von 1954 verbunden sind, analysiert Mohnkern die aufwändigen Choreografien der Ultras. Eine Choreografie vom April 2025 zeigte Kinder, „Kanälches uff de Gass“, die Straßenfußball spielen. Mohnkern liest darin einerseits utopische Elemente: das freie, unproduktive Spiel als Vorwegnahme eines selbstbestimmten, von Verwertungszwängen befreiten Lebens. Zugleich handle es sich andererseits jedoch auch um eine rückwärtsgewandte Utopie, die eine „heile Welt“ verkläre, die es so nie gab, und gesellschaftliche Konflikte ins Vorzeitige verlege. Die nostalgische Verklärung der Vergangenheit diene als Bewältigungsmechanismus für Erfahrungen von Abhängigkeit, Unfreiheit und Ungleichheit, ohne diese tatsächlich anzugehen. 

Zugleich wird die Ultra-Kultur von Vereinen und Verbänden als „fanpolitischer“ Faktor durchaus ernstgenommen. Pyro-Aktionen (die für die Vereine immer Geldstrafen bedeuten) werden meist stillschweigend hingenommen und brav entrichtet. Bedeutend für den Protest steht die Auseinandersetzung um einen DFL-Investor. Die DFL (inzwischen in „Bundesliga“ umbenannt) wollte einem Finanzinvestor gegen rund eine Milliarde Euro eine prozentuale Beteiligung an künftigen Medienerlösen verkaufen, um die internationale Vermarktung auszubauen. Die organisierte Fanszene reagierte mit Protesten: Über Wochen flogen Tennisbälle, Schokotaler und ferngesteuerte Autos auf die Spielfelder, Partien wurden minutenlang unterbrochen, einzelne standen kurz vor dem Abbruch. Auf Spruchbändern war von „Private-Equity-Heuschrecken“ und „nachhaltigem Wachstum statt schnellem Geld“ zu lesen. Im Februar 2024 stoppte die DFL den Deal. Liga-Sprecher Hans-Joachim Watzke sprach von einer „Zerreißprobe“, die den Spielbetrieb und die Integrität des Wettbewerbs gefährde. 

Alternativen zur FIFA?

In der Zeitschrift spw erschien ein Interview mit Philipp Köster, dem Chefredakteur des Magazins 11 Freunde. Er beklagt eine „gnadenlose Entpolitisierung des Fußballs“ und hält die FIFA, eine „bizarre Parallelgesellschaft“ für nicht reformierbar. Zugleich formuliert Köster in einem Kommentar auf 11Freunde.de mit dem Titel „Fiasko 2026“ (Paywall) auch – neben allgemeiner Kritik an der FIFA, ihrer Ticketpreise und den USA – Kritik an den Fußballfunktionären nach der letzten WM in Katar: Der naheliegende Schluss aus den dilettantischen Protesten wäre gewesen, den Widerstand gegen die immer dreister agierende FIFA-Spitze dort zu platzieren, wo er hingehört, nämlich in die Gremien und die öffentliche Debatte. 

Alina Schwermer sieht in ihrem Beitrag für das Dossier der Rosa-Luxemburg-Stiftung eines der zentralen Strukturprobleme der FIFA darin, „dass sie in der internationalen Fußballwelt gewissermaßen gleichzeitig die Regierung und der Geldgeber ist.“ Sie bestimme die Regeln und schütte zugleich das Geld an die Mitgliedsverbände aus. Die Ausweitung der WM auf 48 Mannschaften sei auch Folge der finanziellen Notwendigkeit, sich Gefolgschaften zu sichern. Eine Reform der FIFA hält sie für wenig erfolgversprechend und plädiert für einen Alternativverband. Zentral für die vorgeschlagenen neuen Strukturen wäre eine echte Gewaltenteilung. Eine künftige WM könnte etwa von einer Stiftung oder Genossenschaft verwaltet werden, während ein separater Verband nur noch als „Fußballparlament“ diente – zuständig für Spielregeln, Zukunftsideen und Interessenausgleich, kontrolliert durch einen unabhängigen Gerichtshof von außerhalb des Sports. Ein solcher Alternativverband sollte sich eine Charta geben, die Gemeinwohl statt Wachstum zum Ziel erhebt, und Kollektivrechte für Natur, Klima und lokale Bevölkerung anerkennen, die einklagbar wären. Außerdem fordert sie kleinere Turniere, die bestehende Infrastruktur nutzen (aus ökologischen wie Anti-Korruptions-Gründen), sowie neue Formate mit durchmischten statt nationalen Teams, um die lukrative, aber problematische „Erzählung vom Kampf der Nationen“ zu schwächen.

Letzteres dürfte sicher auf wenig Akzeptanz stoßen. Der Fußball lebt eben auch vom Reiz des Wettbewerbs zwischen Städten, Regionen und Nationen. Ein gemischtes Team aus Schalke und Dortmund will wohl auch niemand sehen. Dennoch zeigen die vielen Einsprüche während der WM aus vielen Richtungen – u.a. gegen die erwähnte FIFA-Entscheidung gegen die Sperre des US-Spielers – dass politische und sonstige „Regimes“, die gegen „moralische“ Prinzipien verstoßen, Protest und Gegenbewegungen auslösen. Die Frage bleibt, was daraus folgt.

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